Geht nicht? Gibt’s nicht! – Lass Dein Leben nicht zur Summe Deiner verpassten Chancen werden…

 

Geht nicht? Gibt’s nicht! – Lass Dein Leben nicht zur Summe Deiner verpassten Chancen werden…

Gestalten und verändern, das hat etwas mit Macht zu tun. Nur wer an einer Entscheiderposition sitzt, kann die Weichen stellen und die Richtung vorgeben. Diese Positionen sind selbst in der heutigen Zeit noch meist von Männern besetzt. Der neu gewählte Bundestag ist – mit nur 218 Frauen von insgesamt 709 Abgeordneten – extrem männlich. Das Hohe Haus trifft Entscheidungen für die gesamte Republik. Im Jahr 2015 lebten in Deutschland rund 40 Millionen Männer – und rund 41 Millionen Frauen. Mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung ist weiblich. Und doch regieren die Herren, in ihren anthrazitfarbenen Anzügen.

Nun kann man, kann frau sich nicht einfach dafür entscheiden Politikkarriere zu machen. Politik machen ja, aber Karriere, das steht nochmal auf einem anderen Blatt. Karriere machen hat auch etwas mit „sich trauen“ zu tun. Im richtigen Moment am richtigen Ort aus dem Schatten ins Rampenlicht zu treten. Und das kann ganz schön schwer sein. Das kann ganz schön Überwindung kosten. Ich weiß genau, wovon ich rede.

2002 habe ich entschieden, mich auf den Weg zu machen. Erst war es gefühlt ein holpriger Feldweg. Das waren erste Laufübungen auf dem politischen Parkett. Eine Kandidatur für den örtlichen Kreistag. Und trotzdem musste ich über meine eigenen Grenzen gehen. Was hat mich dazu gebracht, das überhaupt zu tun? Was hat mich dazu gebracht, meine Komfortzone zu verlassen, raus auf die Bühne zu gehen, öffentlich zu werden? Ich weiß es noch ganz genau. Es war ein Mann. Ein sehr selbstbewusster Mann, der ganz selbstverständlich für sich eine Kandidatur beanspruchte und überhaupt nicht erst in Frage stellte, ob man ihn wählen würde. Für ihn war das ganz natürlich, ohne Wenn und Aber. Und dieses Gegockele brachte mich auf die Palme. Und oben auf der Palme, da hab ich meine eigenen Ängste gar nicht mehr wahrgenommen. Wenn ich heute darüber nachdenke, bin ich erstaunt über meinen Mut damals. Ich ging in eine Kampfabstimmung – und habe mit 1 Stimme Mehrheit gewonnen. Ja, manchmal im Leben reicht eine Stimme, um dem Leben eine andere Richtung zu geben. Ich glaube, es war damals meine eigene Stimme, denn ich habe natürlich mitgewählt. Später habe ich einer Freundin in einer ähnlichen Situation gesagt: Nur wenn du bereit bist, dir deine eigene Stimme zu geben, kannst du andere für dich begeistern. Aber einmal aus dem Schatten herauszutreten macht noch keine abgeklärte Politikerin. Das erfordert immer wieder neue Schritte – oft über eigene Grenzen hinaus.
In dieser Zeit bin ich oft nachts aufgewacht und hab mich gefragt, ob ich nicht komplett durchgeknallt bin: Nämlich dann, wenn ein öffentlicher Auftritt anstand und ich nicht wusste, wie ich den überleben soll. Wie ich die richtigen Worte in einem Interview finden soll. Im Radio und im Fernsehen. Wie ich eine aufflammende Gesichtsröte auf einer Podiumsdiskussion managen soll. Ich habe gelernt, es geht alles. Und zwar ganz gut. Mittlerweile kann man mich nachts für diese Sachen wecken und los geht´s. Aber damals, da war das eine Herausforderung, die mich sehr viel Kraft gekostet hat.

Geholfen hat, sich den Ängsten zu stellen – immer wieder. Bei Interviews einfach zu fragen, ob Patzer rausgeschnitten werden? Ob ich Sätze nochmal wiederholen kann. Ob ich, wenn ich rumschwadroniert habe, einfach noch einmal anfangen kann. Und siehe da! Es gab nie Probleme. Wichtig für mich war, Interviews und Aufzeichnungen nochmal anzuhören oder anzuschauen. Und dann festzustellen – ja, ich war extrem aufgeregt, aber das merke ja nur ich! Oder Menschen, die mich sehr gut kennen, wie mein Mann oder meine Töchter. Für Außenstehende wirkt das ganz entspannt. Und die Sache mit der Gesichtsröte, die habe ich ganz elegant gelöst – das Zauberwort heißt Camouflage. Eine Visagistin gab mir den Tipp. Camouflage aufs Gesicht und kein Hauch von Farbveränderung im Gesicht wird sichtbar. Keine hektischen Flecken im Gesicht sondern ein cooles Pokerface. So bin ich Schritt für Schritt meinen Weg weitergegangen. Bis in den Bundestag.

Natürlich bin ich auch heute noch aufgeregt, wenn ich öffentlich auftrete. Aber es ist positiv. Es ist eine freudige Erwartung. Und natürlich gibt es auch heute Situationen, die nicht so angenehm sind. Insgesamt bin ich aber sehr froh, dass ich mich meinen Ängsten immer wieder gestellt habe und noch stelle. Es hat mich in eine Entscheiderposition gebracht. Und ja, es braucht Mut, ins Auge des Taifuns zu blicken. Ich bin daran gewachsen – und ich bin sicher, jede Frau kann das. Nach 12 Jahren als Bundespolitkerin habe ich mich wieder auf den Weg gemacht. Aus dem holprigen Feldweg ist eine wunderbare Panoramstraße geworden. Hier unterstütze ich Frauen, die sich ihren Ängsten stellen wollen. Die Hälfte unserer Bevölkerung ist weiblich. Das sollte überall sichtbar sein – es ist an uns selbst, das zu ändern.

 

Elisabeth Scharfenberg

www.team-scharfenberg.de